Tja, was ist aus mir geworden?

In regelmäßigen und unruhigen Abständen meldet sich dieser Gedanke: Ich hätte einen Beruf erlernen sollen. Ich habe nie einen Beruf gehabt. Ich habe mich anders entschieden, habe rebelliert, geschrieben und Bücher veröffentlicht; ich bin gereist und habe eine Menge wüster Dinge gemacht, einen Beruf habe ich jedoch nie gehabt. Du kennst die Geheimnisse des Berufslebens nicht, denke ich. Die Gespräche in der Kantine. Die Betriebsfeste, die Seminare, die Kollegen! Ebenso wenig hast du – jemals – Betriebsferien gehabt. Keiner hat dich irgendwann angestellt oder deines Amtes enthoben, du bist weder befördert noch gekündigt worden, du bist nicht nach oben oder unten, vor oder zurück, hinein oder hinaus geschickt worden, kurzum, du bist immer dein eigener Herr gewesen.

Ein Beruf. Langsam wird es Zeit. Du stehst mitten im Leben, bald ist es zu spät, wenn du nicht heute oder morgen die Chance ergreifst, oder jedenfalls bevor du es dir anders überlegst, ist der Zug abgefahren, oder der Bus, und du wirst dastehen wie ein Sonderling, ein Idiot; ein Mann, für den man in einer Firma oder einem Unternehmen nie und nimmer einen Platz findet.

Aber welcher Beruf? Journalist? Rechtsanwalt? Werbefachmann? Verkäufer? Nein, all das ist nicht nur unmöglich, es ist auch unerträglich: zu viel Geld, zu wenig Skrupel und schlechte Moral. Es gibt zu viele unmoralische Berufe! Aber was ist mit Briefträger, Busfahrer, Lehrer? Nein, du musst doch einräumen, dass diese Berufe dir nicht zusagen, so wie du nie auch nur die geringste Lust verspürt hast, Schauspieler, Politiker oder Redakteur zu werden. So weit waren wir schon. Die Wahrheit lautet, du hast Lust auf einen Beruf, aber es gibt keinen Beruf, auf den du Lust hast.

Was machst du jetzt? Du denkst nach. Du beginnst von Neuem, an einer anderen Stelle: Du beginnst mit der Lust. Worauf hast du Lust? Was tust du am liebsten? Und lässt sich daraus ein Beruf machen? Ja, selbstverständlich. Wer gerne denkt, setzt alles daran, sich Philosoph zu nennen. Wer gerne schreibt, setzt alles daran, sich Schriftsteller zu nennen. Aber ein Schriftsteller bist du bereits, und auf dem Gebiet der Philosophie hast du keinerlei Ambitionen. Außer Schreiben und Denken magst du es, zu gehen. Daraus müsste sich doch ein Beruf machen lassen: ein Vagabund. Herumtreiber. Landstreicher. Wandersmann. Zu allen Zeiten hat es solche Herumtreiber gegeben. Heutzutage ist es allerdings ein würdevoller Beruf, vom Aussterben bedroht. Jedenfalls im Wohlfahrtsstaat Norwegen. Und du denkst: Irgendjemand muss diesen Beruf bewahren. Irgendjemand muss sich dafür verantwortlich fühlen. Jemand muss diese Freiheit, diesen Stolz retten, diesen Beruf und diese Würde wiederherstellen, ja, du willst ein Wandersmann werden.


Ich träume von einem neuen Leben auf der Straße, immer in Bewegung, zu Fuß von Ort zu Ort. Geht das? Es geht. Wie lange? Ich weiß es nicht. Im Herbst ziehen wir nach Süden, im Winter noch tiefer in den Süden, bis Nordafrika und weiter zur Wärme, immer zur Wärme. Wie weit kann man gehen? Ich weiß es nicht. Habe noch nie versucht, meine Grenzen zu überschreiten, bin immer zielgerichtet und zeitbestimmt gegangen. Habe immer Wanderungen gemacht, kurze und lange, die aber nie länger wurden als geplant. Zwei Monate. Drei Monate, ja, aber dann bin ich heimgereist, mit Zug oder Bus, Flugzeug oder Schiff. Aber an diesem Punkt meines Lebens habe ich kein Zuhause. Ich habe einen Ort zum Wohnen, ich wohne allein, ein Zimmer mit einer Matratze auf dem Fußboden, ein Schreibtisch, ein Stuhl, das ist alles. Ein Wartezimmer. Ich warte auf eine Veränderung, nein, ich warte auf eine Verwandlung, etwas vollkommen Neues − ein neues Leben? Worauf warte ich? Heute beginnt es, das neue Leben, mit neuen Möglichkeiten, es kommt nur darauf an, sich aufzurichten, aufzustehen, den Sand und die Träume abzuschütteln, seinen Anzug anzuziehen und den Rucksack zu schultern, fortzugehen, die offene Straße einzuschlagen.
Bist du bereit? Bist du bereit, den Rucksack zu schultern und die offene Straße einzuschlagen?
Tomas Espedal - Gehen
oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

No comments

Add Comment

Submitted comments will be subject to moderation before being displayed.