Schmetterlingsgezappel

Nichts spendet größeren Trost, als alleine, still für sich, im Lampenschein vor einem Buch zu sitzen und auf diese Weise Freundschaft mit Menschen aus längst vergangenen Tagen zu schließen.“ „Wie schmerzlich ist mir der Gedanke, dass all die Dinge, die man ständig um sich hat, einen unbekümmert überdauern, so als sei nichts geschehen.
Yoshida Kenko

Noch immer war mir die Verwirklichung der Träume lieber als die Erstarrung der Hoffnung.
- Sylvain Tesson: Der Schneeleopard

Das Verb "lesen" duldet keinen Imperativ. Eine Abneigung, die es mit ein paar anderen teilt: dem Verb "lieben", dem Verb "träumen"...
- Daniel Pennac: Wie ein Roman

Für die Investoren aus dem Silicon Valley ist Lesen nicht nur unzeitgemäß, es ist auch gefährlich: Es frisst Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration und ist ein Ausdruck der Selbstbestimmung darüber, wie wir was und wann wir lesen. Warum lesen?, fragen diejenigen, die unser Gehirn monetarisieren wollen: Schau dir stattdessen doch einfach Bilder an!
[...]
Wer versucht, zu analysieren, warum diejenigen gespalten sind, die eigentlich für eine gemeinsame Sache kämpfen könnten, wer versucht, politische Niederlagen zu verstehen, anstatt immer auf einen künftigen Sieg zu hoffen, mag jene irritieren und entmutigen, die lieber glauben wollen als einzusehen, dass Zweifel angebracht sind. Das ist der Preis der Klarheit. Welchen Wert hat eine Zeitung, die ihre Le­se­r:in­nen nur in ihren Überzeugungen bestätigt? Wie Jean-Paul Sartre einmal schrieb, müssen wir manchmal „die Richtigkeit einer Idee an dem Unmut messen, den sie in uns hervorruft.“
- Benoît Breville & Pierre Rimbert: Eine Zeitung gegen den Strich. Vor 70 Jahren wurde in Paris Le Monde diplomatique gegründet

Hier beginnt eine der leisesten, aber folgenreichsten Verschiebungen der Moderne.
Der Mensch wird nicht entmachtet, er wird sekundär. Noch entscheidet er formal, noch unterschreibt er, noch trägt er Haftung.
Doch immer öfter entscheidet er nur noch nach dem Modell, der Empfehlung oder der Simulation. Je besser die Systeme werden, desto riskanter wird der Widerspruch.
So entsteht eine neue Hierarchie: Nicht mehr Mensch über Maschine. Auch nicht Maschine über Mensch, sondern Modell vor Urteilskraft. Der Mensch bleibt letzte Instanz – aber nur noch auf dem Papier.
In Wahrheit beginnt er, sich selbst als Fehlerquelle zu betrachten. Als biologisch begrenzten Rechner, verzerrte Entscheidungsinstanz und Störfaktor im Prozeß.
Was hier entsteht, ist keine Maschinenherrschaft, es ist Selbstentwertung.
- Philipp Humm: Letzter faustischer Pakt. Die künstliche Intelligenz und die Ablösung des menschlichen Urteils

Geschichten enthalten unser Dasein; sie sind wie Götter. Und wir erschaffen sie allein daraus, dass wir leben, erleben, zuhören, denken, fühlen, geben – sie erinnern mich daran, wie großartig es ist, am Leben zu sein.
- Nnedi Okorafor: Tod der Autorin

Was ist schon Gipfelglück, wenn du lebend wieder den sicheren Erdboden betreten kannst. [...] vielleicht ist eine Niederlage genauso konstruktiv wie Angst. Zeit zum Denken - Zeit zum Atmen.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Bergsteiger sind positiv eingestellte Menschen mit negative Erlebnisse stark absorbierenden Filtern.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Diese 40 kg, auf unseren Rücken genau berechnete Bergausrüstung, is unsere "Bergbahn", die Fahrkarte dazu aber ist dieser ganze Erklärungshaufen von psychologischem Wirrwarr, wie starte Mutterbeziehung, Vaterproblem, Todestrieb, Autoritätsschwierigkeiten und weiß der liebe Gott noch, was die Psychologen alles für Phänomene fanden oder erfanden, die als Motivation dienen sollen, nur um einfach einen Berg besteigen zu wollen. In Wirklichkeit weiß es niemand, und es ist auch vollkommen uninteressant.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

In Ländern, in denen außer Zeit alles Mangelware ist, ist die Unrast der Zivilisationsneurotiker, die von einem für die Einheimischen nichtverständlichen Erfolgszwang angetrieben werden, ein einziges Fragezeichen. [...] Achte den Menschen als Menschen, nicht als Eselersatz oder als Arbeitstier.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Ich ahne, daß auch der Everest nur ein Vorgipfel ist, den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Natürlich hätten wir auch ganz einfach den breiten Weg in 5 Stunden bis hierher hochwandern können. Der Endpunkt wäre der gleiche, aber wir wären nicht die gleichen.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Aber zum ersten Mal macht mir Klettern richtigen Spaß, denn die Angst ist abgestürzt. Klettern ist kein Kampf mehr ums Leben, es ist ein Spiel mit der Schwerkraft und mit den eigenen Möglichkeiten. Der Sandsteinfelsen ist ein wunderbarer Sandkasten zum Spielen und zum Backen schöner Klettertouren.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Die totale Entscheidungsfreiheit macht Bergsteigen mehr zum Lebensstil als "nur" im Sport.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Die Angst, die mir soviel zu schaffen gemacht hatte, stellte sich rückblickend als ungeheuer kreative Angst heraus. Denn wer viel Angst hat, überlegt sehr viel. Mut ist meistens nur Dummheit oder Zwang.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Ich kämpfte für meine Freiheit von der Fremdbestimmung und die Freiheit von der Arbeit. Ich hatte keine müde Mark in der Tasche, aber ich fühlte mich unheimlich frei oder was ich dafür hielt. An jedem Ende des sozialen Spektrums scheint es die totale Freiheit zu geben. Damals glaubte ich allen Ernstes, ich würde nur bergsteigen, weil meine Arbeits- und Lebensbedingungen so frustitrierend waren. Wenn alle Widersprüche und Zwänge der Gesellschaft ausgeräumt wären, dann bräuchte ich auch nicht mehr als Kompensation diese schrecklichen und gefährlichen Bergtouren zu machen. Dann könnte ich gemütlich und friedlich wie die normalen Bürger einem ruhigen Leben nachgehen. Als mir klar wurde, daß ich das nicht mehr wollte und daß Bergsteigen doch ehrlicher ist und mehr vom Leben erklärt als der ganze Gesellschaftsverbesserungskäse, der mit 20 Sätzen die ganze Welt erklärt, da ging ich wieder zum Klettern.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Das Leben erscheint mir mehr und mehr der gipfellose Berg zu sein. Nie werde ich oben sein.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Für einen Moment habe ich das Gefühl, wunschlos zu sein, ich glaube, man nennt das Glück.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

[...] was bedeutet schon Geld, wenn man noch eine Hoffnung hat!
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Wenn man sich das Unmögliche vornimmt, dann erreicht man das mögliche.
- Reinhard Karl: Erlebnis Berg. Zeit zum Atmen

Ich war fast fünfundvierzig, eine Zeit, in der menschliche Reife und angesammeltes Wissen sich mit den letzten jugendlichen Resten von Kraft und Verstandesschärfe kreuzen. Ich sollte etwas Eigenes machen. Etwas Nützliches, für mich, für andere.
- Ian McEwan: Was wir wissen können

Das Imaginierte herrscht über das Tatsächliche – und ist frei von Paradox oder Geheimnis. Viele Gläubige wollen kein Bildnis ihres Gottes, keine Beschreibung. Und wir sind glücklich, wenn wir nicht wissen müssen, wie unsere elektronischen Maschinen funktionieren. Die Figuren, die wir in der Fiktion lieben, gibt es in der Wirklichkeit nicht. Als Individuen oder Nationen frisieren wir unsere eigene Geschichte, um besser dazustehen als wir sind. Umgeben von ungeprüf‌ten oder widersprüchlichen Mutmaßungen leben wir unser Leben in einem Nebel aus Träumen und scheinen sie auch zu brauchen.
- Ian McEwan: Was wir wissen können

Wenn für meine Existenz keine Notwendigkeit besteht, dann besteht auch keine Notwendigkeit für meine Nichtexistenz.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Alles zwingt es in die Knie, das schöne Lächeln. Ein Lächeln ist das Erste, was ein
- Nils Westerboer: Athos 2643

Diese andere Zukunft, die ich gerade nicht sehe. In der der Mensch endlich zu dem wird, was er ist. Seiner selbst genügt, sich gerecht wird. Mensch in seinem Leben sieht, ob er es noch weiß oder nicht.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Etwas gefragt zu werden, herrlich, höchste Form der Zuwendung.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Das Mittel der Lüge wird selten in böswilliger Absicht herangezogen. Eine Lüge verfolgt den Zweck, einen wie auch immer gearteten Stand der Dinge aufrechtzuerhalten [...] Die Lüge ist ein Kredit, ein Aufschub, den man später zu zahlen bereit sein muss.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Menschen vergessen nur. Es sieht so aus, als hätte ich diesem Aspekt von Menschlichkeit nicht den Stellenwert zugeschrieben, den er verdient. Vergessen als Fähigkeit. Ich begreife jetzt: Entscheiden braucht Vergessen. Solange ich alles weiß, was ich wissen kann, sind meine Entscheidungen keine Entscheidungen, sondern Folgerungen [...] Entscheiden braucht Vergessen. Echtes Vergessen.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Wenn sich die Gegenwart, das »Jetzt«, bis zum Platzen dehnt, und die Horizonte in jede mögliche Ferne zurückweichen, fällt alles ineinander, die Vergangenheit in die Zukunft und umgekehrt, ununterscheidbar wird eins zum Grund des anderen
- Nils Westerboer: Athos 2643

Es liegt in der Natur des Menschen, eine Wiederholung, eine Iteration, nicht automatisch als Redundanz zu begreifen, sondern als Bekräftigung, auch wenn es keinen qualitativen Grund dafür gibt.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Ich kann nicht beurteilen, ob es eine Stärke oder eine Schwäche des Menschen ist, sich bewusst einer Täuschung hinzugeben und sich nicht davon irritieren zu lassen, etwas besser zu wissen.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Vielleicht ist das die Fähigkeit der Menschen: etwas zu sehen, das nicht da ist. Einfach, weil sie es wollen.
- Nils Westerboer: Athos 2643

»Die meisten Dinge, die Menschen tun«, ergänzt die MARFA, »sind Reflexe oder Gewohnheiten. Iterativ. Da gibt es wenig Ausnahmen.«
- Nils Westerboer: Athos 2643

Eine Schwäche des Menschen, die ich im Übrigen für seine größte überhaupt halte, ist die zunehmende Bereitschaft, nach einem Fehler weitere Fehler zu machen. Aus rationaler Sicht gibt es dazu nicht den geringsten Anlass und ich bin bisher nicht dahinter gekommen, woher dieses Verhalten rührt. Weder ist ein evolutionärer Vorteil erkennbar, noch lässt sich ein brauchbarer psychischer Mechanismus beschreiben, der von etwas anderem ausgeht als schlichter Dummheit.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Ohne Freiheit gibt es keine Schuld und ohne Schuld keine Vergebung. Freiheit und Vergebung sind daher eins. [...] Die Schuld eines anderen auf sich nehmen zu können ist das Privileg derer, die in Freiheit leben.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Die Menschen begründen ihre Entscheidungen immer mit dem Guten. Sie wissen um das Gute, egal ob sie Gutes oder Böses tun.
- Nils Westerboer: Athos 2643

»Hast du die Ordnung in Marwans Labor bemerkt?« »Natürlich.« »Es kostet ihn sicher sehr viel Lebenszeit, so ordentlich zu sein.« »Nein. Unordnung kostet Lebenszeit«, sage ich. »Aber vielleicht liegt er irgendwann auf dem Sterbebett und rechnet sich zusammen, wie er seine Zeit verbracht hat. Und dann fällt ihm ein, wie viel Zeit er mit Aufräumen verloren hat.« »Nein. Jemand wie Marwan fühlt sich auch auf dem Sterbebett wohler, wenn aufgeräumt ist.«
- Nils Westerboer: Athos 2643

Wie ein Mensch mit seinem Begehren umgeht, sagt mehr über ihn aus als seine Art zu beten. Neben dem Schmerz ist das Begehren die einzige Empfindung, über die ein Lebewesen nicht verfügen kann. Man kann bis zu einem gewissen Grad über seine Zuneigung bestimmen, mit etwas Selbstbeherrschung auch über seine Abneigungen, doch nicht über das Begehren.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Rüd wirft einen Blick aus dem Fenster und scheint sich einen Augenblick lang unsicher zu sein, ob er seinem Leben gerade beim Gelingen zuschaut.
- Nils Westerboer: Athos 2643

Nur mit Dir kann ich aufhören, darauf zu warten, dass mein Leben endlich anfängt
- Nils Westerboer: Athos 2643

Gegenwart hat, physikalisch gesehen, keine Ausdehnung. Sie ist eine Grenze, zur Unendlichkeit hin dünn, eine Grenze, die nur existiert, weil es einen physikalischen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt. Sie ist etwas, das es zugleich gibt und zugleich nicht gibt, wie ein Horizont, der fortweicht, wenn man sich ihm nähert.
- Nils Westerboer: Athos 2643


Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Da die Wahrheit eine Eigenschaft von Sätzen ist, da die Existenz von Sätzen von Vokabularen abhängt, und da Vokabulare von Menschen geschaffen werden, gilt das Gleiche auch für Wahrheiten.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Meine Zweifel kann ich erneut formulieren, indem ich auf Brandoms Kennzeichnung des »geistigen Fortschritts« eingehe, der seiner Meinung nach darin besteht, dass man »immer mehr wahre Behauptungen über die Dinge aufstellt, die wirklich in der Außenwelt existieren, so dass man über sie reden und nachdenken kann«. Meiner Ansicht nach besteht der geistige Fortschritt darin, dass wir immer bessere Werkzeuge zur Erfüllung immer besserer Zwecke entwickeln – und besser sind sie natürlich nach unserem Verständnis.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Wenn wir im Westen es schafften, uns von der Vorstellung der durch Zugehörigkeit zu unserer Spezies erzeugten universellen moralischen Pflichten zu lösen und diese Vorstellung durch den Gedanken zu ersetzen, dass wir eine Gemeinschaft des Vertrauens zwischen uns und anderen aufbauen wollen, wären wir vielleicht besser imstande, Nichtwestler von den Vorteilen eines Beitritts zu dieser Gemeinschaft zu überzeugen.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

[...] nach dessen [Daniel Dennett] Ansicht das Ich nichts anderes ist als das Zentrum eines narrativen Gravitationsfelds.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

[...] dass die Hoffnung auf die Erfindung neuer Möglichkeiten des Menschseins Vorrang hat vor dem Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Ordnung.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Genauer gesagt, können wir sowohl den geistigen als auch den moralischen Fortschritt als etwas nicht von der Annäherung an das Wahre, Gute oder Richtige Abhängiges sehen, sondern als Zunahme der Vorstellungskraft. Sie, die Fantasie, bringt die kulturelle Evolution voran. Sie ist die Kraft, die unter Voraussetzung von Frieden und Wohlstand ständig dahingehend wirkt, dass sich die Zukunft des Menschen reichhaltiger gestaltet als seine Vergangenheit. Die Fantasie 310ist die Quelle neuer wissenschaftlicher Bilder des physikalischen Universums ebenso wie die Quelle neuer Entwürfe möglicher Gemeinschaftsformen. Sie ist das, was Newton und Christus, Freud und Marx gemeinsam war: die Fähigkeit, das Vertraute mit Hilfe unvertrauter Begriffe neu zu beschreiben.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Daher ist es am besten, den moralischen Fortschritt im Sinne zunehmender Sensibilität und wachsender Empfänglichkeit für die Bedürfnisse einer immer größeren Vielfalt der Menschen und der Dinge zu begreifen.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Vom pragmatistischen Gesichtspunkt ist die Vorstellung von »unveräußerlichen Menschenrechten« weder eine bessere noch eine schlechtere Devise als das Schlagwort »Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes«.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Sobald man die Unterscheidung zwischen Vernunft und Leidenschaft preisgibt, wird man eine gute Idee nicht mehr wegen ihrer fragwürdigen Herkunft diskriminieren. Man wird Ideen nicht nach ihrem Ursprung, sondern nach ihrer relativen Nützlichkeit einstufen.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

An die Stelle der kantischen Idee des guten Willens setzen sie [die Pragmatisten] die Vorstellung von einem maximal gütigen, sensiblen und mitfühlenden Menschen.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Die Hauptquelle der Konflikte zwischen menschlichen Gemeinschaften ist die Überzeugung, dass ich keinen Grund habe, meine Überzeugungen gegenüber dem anderen zu rechtfertigen, und keinen Grund herauszufinden, welches die Überzeugungen des anderen sein mögen, denn dieser andere ist ein Ungläubiger, ein Ausländer, eine Frau, ein Kind, ein Sklave, ein Perverser oder ein Unberührbarer. Kurz, der andere »gehört nicht zu uns«, er gehört nicht zu den echten Menschen, den paradigmatischen Menschen, also zu denen, die im Hinblick auf ihre Person und ihre Meinungen mit Respekt zu behandeln sind.
Richard Rorty: Pragmatismus als Antiautoritarismus

Genauso wie wir uns im Bereich der Ethik insofern antiautoritär verhalten sollten, als wir die Autorität Gottes im Hinblick auf die Richtigkeit unseres Tuns bestreiten, sollten wir auch in der Erkenntnistheorie antiautoritär sein, indem wir die Autorität der objektiven Realität im Hinblick auf die Richtigkeit unserer Überzeugungen ablehnen. Sofern man die Realität als den nichtmenschlichen Ort dieser Form von Autorität deutet, existiert die Realität genauso wenig wie Gott.
Robert B. Brandom über Richard Rortys Lesart des Pragmatismus

Bist du bereit? Bist du bereit, den Rucksack zu schultern und die offene Straße einzuschlagen?
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Es gibt viele Arten zu reisen und es gibt viele Arten, daheim zu sein; wir reisen vorwärts und rückwärts in Zeit und Geographie, in Büchern und Erzählungen, auf kurzen und langen Reisen in der Fantasie und der Erinnerung, anhand einer Karte und in unbekannten Gegenden; wir können im eigenen Wohnzimmer auf und davon ziehen. Wir können uns auf den erstbesten Stuhl hinter den Schreibtisch am Fenster setzen und anfangen zu schreiben.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Wie endet eine Reise? Wir kommen an, ist das ein Neuanfang oder ein Ende? Wie weit können wir gehen, wie lange werden wir unterwegs durchhalten;
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Heimweh. Es ist selbstverständlicher Bestandteil jeder Reise, wir sind erschöpft und wollen heim; das Heimweh wächst, wird größer und breitet sich in allen Körperteilen aus; die Füße sehnen sich heim, die Hände, das Herz, die Gedanken wollen heim. Wir haben genug, genug gesehen, genug gehört, mehr erlebt, als wir aushalten können, und so macht sich das Heimweh als eine dumpfe Teilnahmslosigkeit in unseren Körpern breit, als eine Trägheit, die nicht mehr die Kraft hat, sich mit weiteren Aufbrüchen und Veränderungen, Begegnungen und Orten auseinanderzusetzen.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Die Liebe verlangt von uns, dass wir nicht fortgehen, sondern sesshaft werden, an einem Ort bleiben; Bewegung ist Einsamkeit.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Wenn die Stiefel gut sind, wenn die Rucksäcke nicht zu viel wiegen und auf dem Rücken unmerklich werden, wenn die Kleider trocken sind und sich noch nicht mit Schweiß und Regen vollgesogen haben, lässt es sich gut gehen. Dann gibt es nichts Besseres, als zu gehen; sich aus eigener Kraft fortzubewegen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und in eine Form des Vergessens hineinzugehen, die zugleich eine gesteigerte Gegenwärtigkeit ist; wir vergessen, dass wir gehen, wir vergessen das eigentliche Gehen und die Anstrengungen der Bewegung, gleichzeitig sehen und hören wir wacher, riechen schärfer, erleben alles intensiver: Ein Vogel fliegt auf. Das Sonnenlicht trifft die Baumwipfel, der Erdboden dampft. Ein kleines Feld von Buschwindröschen, sie leuchten in der Sonne. Wasser, das fließt, stehendes Wasser. Ein Bach, in dem die Forellen hinter Steinen in einem Kolk stehen, wir trinken von dem Wasser. Schmelzender Schnee, Spuren im Schnee. Ein Teppich aus Moor, Wollgras, das sich im Wind bewegt. Wir denken weniger, wenn wir weit gehen, wir gleiten in den Rhythmus des Gehens, und die Gedanken enden, werden zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit, die darauf gerichtet ist, was wir sehen und hören, was wir riechen; diese Blume, der Wind, die Bäume, als würden die Gedanken umgeformt und zu einem Teil dessen werden, was ihnen begegnet; ein Fluss, ein Berg, ein Weg.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Woran denke ich? Je leichter es einem fällt zu gehen, desto einfacher ist es, sich belanglosen Gedanken hinzugeben; die Gedanken werden leichter, ich habe mich gehend aller Sorgen und ernsthaften Gedanken entledigt, denke nicht mehr darüber nach, was ich tun soll, wenn unsere Wanderung vorüber ist; wo ich wohnen und was ich schreiben werde. Während wir weitergehen, schlagen meine Gedanken die entgegengesetzte Richtung ein, sie gehen zurück, weiter, immer weiter in die Vergangenheit zurück; ich denke an meine Jugend und die Jahre der Kindheit, trotte dorthin zurück, wo ich einmal gewesen bin, während wir gleichzeitig auf etwas Unbekanntes und Neues zugehen.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Aber die besten Karten kann man nicht kaufen, sie werden von den Menschen gezeichnet, denen man unterwegs begegnet. Und die Menschen, denen man am Wegrand begegnet, sind gastfreundlich und genau. Das gilt für alle Länder. Die besten Karten werden mündlich und mit Gesten vermittelt, gelegentlich auch mit einem Stift und einem Stück Papier. Es kann einem sogar passieren, dass derjenige, der einem den Weg beschreibt, mitkommen will, um einem genau zu zeigen, wo sich der Weg schwer erkennbar gabelt, eine schwierige Wendung macht, und so lernt man die Landschaft und ihre Wege anhand einer Methode kennen, die direkt und exakt ist; eine Abkürzung, ein geheimer Pfad, wir kennen eine Menge Wege, die sonst niemand kennt. Es sind unsere Wege, unsere eigenen Pfade kreuz und quer abseits dessen, was Karte und Hauptwege einem erzählen.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Wovon träumen wir? Ich träume von einem neuen Leben auf der Straße, immer in Bewegung, zu Fuß von Ort zu Ort. Geht das? Es geht. Wie lange? Ich weiß es nicht. Im Herbst ziehen wir nach Süden, im Winter noch tiefer in den Süden, bis Nordafrika und weiter zur Wärme, immer zur Wärme. Wie weit kann man gehen? Ich weiß es nicht. Habe noch nie versucht, meine Grenzen zu überschreiten, bin immer zielgerichtet und zeitbestimmt gegangen. Habe immer Wanderungen gemacht, kurze und lange, die aber nie länger wurden als geplant. Zwei Monate. Drei Monate, ja, aber dann bin ich heimgereist, mit Zug oder Bus, Flugzeug oder Schiff. Aber an diesem Punkt meines Lebens habe ich kein Zuhause. Ich habe einen Ort zum Wohnen, ich wohne allein, ein Zimmer mit einer Matratze auf dem Fußboden, ein Schreibtisch, ein Stuhl, das ist alles. Ein Wartezimmer. Ich warte auf eine Veränderung, nein, ich warte auf eine Verwandlung, etwas vollkommen Neues − ein neues Leben? Worauf warte ich? Heute beginnt es, das neue Leben, mit neuen Möglichkeiten, es kommt nur darauf an, sich aufzurichten, aufzustehen, den Sand und die Träume abzuschütteln, seinen Anzug anzuziehen und den Rucksack zu schultern, fortzugehen, die offene Straße einzuschlagen.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Die Luxusjachten, die Autos, die viel zu großen Häuser, sie alle wachsen, die Reichtümer wachsen, doch die Menschen, die sie bevölkern, werden kleiner, man sieht sie kaum noch, sie verschwinden in ihrem Eigentum. Es hat den Anschein, als investierte man seinen neuen Reichtum darin, sich von seiner Umgebung zu entfernen. Man erhebt sich über die Anderen, isoliert sich von der Natur, schließt alles Unbekannte und Fremde aus, man überwindet die Reise und kauft sich frei von Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten − von all dem, was einem neue und unvorhersehbare Erfahrungen einbringen könnte. Man scheint sein Geld in eine völlig neue Form der Dummheit zu investieren.
Die Dummheit des neuen Reichtums. Die Dummheit der zu großen Hütten und Häuser. Die Dummheit der zu vielen Autos. Wie viele Autos benötigt ein Mensch? Wie viele Zimmer benötigt ein Haus? Wie viele Toiletten benötigt ein Kapitalist? Wie viel Dummheit erträgt eine Gesellschaft? Die Dummheit des schnellen Geldes. Die Dummheit des Konsums. Die Dummheit der Habgier. Die Dummheit des neuen Reichtums.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Es gibt einen Punkt, ein Stadium, in dem das Gehen spürbar eine Grenze überschritten hat; ich habe keine Lust mehr, Halt zu machen, will einfach weitergehen, gehen, gehen, es spielt keine Rolle mehr, wo und warum, in welche Richtung, das Gehen ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, es ist ein Rausch, ein Freiheitsrausch; du kannst gehen, wohin du willst, so weit du willst, möglicherweise gehst du so weit, dass es schwierig werden könnte, zu dem zurückzukehren, was normal ist, zu dem, was früher war, eine Arbeit, ein Zuhause? Man geht zu etwas Neuem. Wenn man weit genug gegangen ist, hat man das Gefühl, zu einer längeren Wanderung aufgebrochen zu sein. Warum sollte man sie abbrechen, warum nicht weitermachen? Wozu? Zu wem? Zu welchem Ort? Wir wissen es nicht. Wir gehen.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Außer Schreiben und Denken magst du es, zu gehen. Daraus müsste sich doch ein Beruf machen lassen: ein Vagabund. Herumtreiber. Landstreicher. Wandersmann.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Aber es ist nicht möglich, die Wahrheit über sich selbst zu schreiben.
Man schreibt und versteckt sich. Man kleidet sich in Sprache.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Man schreibt keine Briefe, um seine Einsamkeit aufzuheben, sondern um sie zu besiegeln.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

eine Wanderung ist erwünschte oder unerwünschte Heimatlosigkeit
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Man muss sich diesem Gedanken einmal stellen: Du wirst dein Leben lang mit dir selbst leben. Du kannst eine neue Geliebte finden, du kannst Freunde und Familie verlassen, verreisen, eine neue Stadt und neue Orte finden, du kannst verkaufen, was du besitzt, und dich von allem trennen, was dir nicht passt, aber solange du lebst, wirst du dich nie von dir selbst trennen können.
- Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Was das alles zu bedeuten hat? Das ist eine gute Frage, man müsste sie in aller Ruhe und Gründlichkeit diskutieren. Doch die Voraussetzung dafür wäre, dass man sich erinnert. Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weg gewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat, und vor allem, wer uns all dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen wird.
- Lukas Bärfuss: es ist zwischen uns

Kein dunkler, metaphysischer Pfuhl zwingt uns zu diesen Taten. Und das wäre, eigentlich, eine gute Nachricht. Es braucht keine Chirurgen, um uns das Böse aus den Leibern zu operieren, mit wachen Sinnen und empfindsamen Herzen können wir die Gewalt erkennen, wir können sie zur Sprache bringen, und wenn wir den Mut haben und nicht um unser Leben fürchten, dann können wir uns gegen sie stellen und sie überwinden.
- Lukas Bärfuss: es ist zwischen uns

Man kann den Krieg nicht verhindern und sich gleichzeitig auf ihn vorbereiten.
- Albert Einstein

Doch die Fragen blieben bestehen; Nobelpreisträger stellten sie sich und pubertierende Fünfzehnjährige, die zu viel Angst vor dem Leben hatten. Bin ich nichts weiter als eine Kette chemischer Reaktionen? Ein Magnet im Äther? Ich bin mehr als meine Augen, Ohren und Zunge; ich bin das kleine Ding, das sich dahinter befindet, das von innen nach außen blickt. Aber wer sieht durch diese Augen? Wie kann man das beschreiben? Wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?
- Peter Watts: Blindflug

Jahrhunderte der Nabelschau. Jahrtausende des Masturbierens. Von Platon bis zu Descartes, Dawkins und Rhanda. Seelen, Zombieagenten und Qualia. Kolmogorow-Komplexität. Das Bewusstsein als göttlicher Funke. Als elektromagnetisches Feld. Als Funktionscluster.
Ich habe sie alle gelesen.
Wegner glaubte, es sei eine Befehlszentrale. Penrose hörte es im Gesang gefangener Elektronen. Nørretranders hielt es für einen Betrug; Kazim war der Ansicht, es handele sich dabei um Informationen, die aus einem Paralleluniversum zu uns herüberschwappten. Metzinger wollte nicht einmal anerkennen, dass es überhaupt existiert. Die KIs behaupteten, sie hätten die Lösung gefunden, könnten sie uns jedoch nicht erklären. Gödel hatte schließlich doch recht behalten: Kein System kann sich vollständig selbst beschreiben.
- Peter Watts: Blindflug

Wäre das menschliche Gehirn so einfach strukturiert, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so einfach strukturiert, dass wir es nicht könnten. (Emerson M. Pugh)
- Peter Watts: Blindflug

Das Ich verschwendet Energie und Rechenkapazität. Es ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es schon an eine Psychose grenzt.
- Peter Watts: Blindflug

Die Menschen führten im Grunde nicht wegen ihrer Hautfarbe oder aus ideologischen Gründen Krieg; diese dienten lediglich als willkommener Vorwand für die Sicherung des Fortbestands der eigenen Sippe. Eigentlich ging es immer nur um Blutlinien und begrenzte Ressourcen.
- Peter Watts: Blindflug

[...] was die Sprache betrifft. Genau genommen ist sie nur ein Provisorium. Als wollte man Träume durch Rauchzeichen beschreiben. Das ist sehr nobel, vielleicht das Nobelste, was ein Mensch überhaupt versuchen kann. Aber man kann eben einen Sonnenuntergang nicht in eine Reihe von Grunzlauten verwandeln, ohne dass dabei etwas auf der Strecke bleibt. Die Sprache schränkt uns ein.
- Peter Watts: Blindflug

Denn was ist die Geschichte der Menschheit anderes, wenn nicht eine endlose Abfolge sich weiterentwickelnder Technologien, die ihre Vorläufer unter dem Absatz zertreten?
- Peter Watts: Blindflug

Mit dem neuen Jahrtausend änderte sich das. Wir sind über uns selbst hinausgewachsen und erforschen jenseits der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit neues Gebiet. Manchmal sind die Umrisse dieser neuen Erkenntnisse selbst im normalen Raum zu komplex, als dass unser Gehirn sie erfassen könnte. Hin und wieder erstrecken sich ihre Achsen in Dimensionen, die die Vorstellungskraft von Gehirnen übersteigen, die dafür geschaffen wurden, sich fortzupflanzen und sich auf irgendeiner prähistorischen Wiese gegenseitig die Schädel einzuschlagen. Wir sind unzähligen Beschränkungen unterworfen. Und selbst die altruistischsten Philosophien scheitern am primitiven Gebot des Eigennutzes, das von unserem Hirnstamm ausgeht. Raffinierte und elegante Gleichungen sagen das Verhalten der Quantenwelt vorher, aber keine von ihnen kann sie erklären. Nach viertausend Jahren können wir nicht einmal beweisen, dass außerhalb unseres träumenden Bewusstseins tatsächlich eine Realität existiert. Wir brauchen dringend große Geister, deren Verstand den unseren bei Weitem übersteigt.
- Peter Watts: Blindflug

Vielleicht hat die Singularität auch schon vor Jahren eingesetzt, und wir wollen bloß nicht wahrhaben, dass wir längst ausgemustert worden sind.
- Peter Watts: Blindflug

Das fasziniert mich an diesem Dasein am meisten: die einzigartige Notwendigkeit, sich das vorzustellen, was in Wirklichkeit real ist. (Philip Gourevitch)
- Peter Watts: Blindflug

Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir uns die Welt erzählen und was wir von der erzählten Welt erwarten.
- Steffen Martus: Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute

Die Lektüre eines Romans übt immer auch eine bestimmte Form des Politischen ein, nicht weil damit eine programmatische Aussage verbunden wäre, sondern weil Literatur Weltverhältnisse und Handlungsmöglichkeiten ästhetisch vermittelt. Wenn es so etwas wie eine Botschaft gibt, dann liegt sie in den Vollzügen des Lesens und Schreibens selbst.
- Steffen Martus: Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute

[...] dass wir strukturelle Überforderung als Normalzustand akzeptieren sollten, weil die Alternative schrecklich ist: Die vereinfachende Unterscheidung von Tätern und Opfern und die Simulation von souveräner Handlungsmacht erfolgen durch die lustvolle Ausgrenzung und Erniedrigung des Sündenbocks, auf den man mit dem Finger zeigt, um nicht auf sich selbst zeigen zu müssen. Genau diese Haltung, die Bereitschaft, aus der Abschätzigkeit gegenüber den «Anderen» und dem «Fremden» scham- und rücksichtslos Selbstbewusstsein zu beziehen, machte mit dem politischen Populismus in den 2010er Jahren Karriere.
- Steffen Martus: Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute

Geliebtsein heißt aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit unerschöpflichem Öle. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern.
- Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Ein Mensch muss sich wandeln, um unsterblich zu sein.
- Ursula K. Le Guin: Lavinia

Wenn du großes Glück verloren hast und versuchst, dich daran zu erinnern, dann, so meine ich, lädst du Kummer ein; wenn du aber nicht versuchst, im Glück zu verweilen, dann kann es geschehen, dass du merkst, wie es in deinem Herzen und Körper weilt, still, aber stetig. Das reinste, umfassendste Glück, das ich kenne, ist das eines Säuglings an der Brust und das der stillenden Mutter. Daher weiß ich, was vollkommene Erfüllung ist. Aber ich kann sie nicht wiedererlangen, indem ich mich an sie erinnere, über sie spreche, mich nach ihr sehne. Sie gekannt zu haben, ist genug, ist alles.
- Ursula K. Le Guin: Lavinia

nicht das Totsein ermöglicht uns, einander zu verstehen, sondern die Dichtung.
- Ursula K. Le Guin: Lavinia

Unverblümt gesagt: Entgeht das _Leben_ nicht dem Denken? [...] hat das Denken jemals _Leben_ in den Griff gekriegt?
- François Jullien: Philosophie des Lebens (2013)

Leben ist das, was niemals aufhört, von seinem Gegenteil bearbeitet zu werden.
- François Jullien: Philosophie des Lebens (2013)

Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein _Fall ins Denken._
- George Steiner: Warum Denken traurig macht (2006)

Die Beherrschung des Denkens, der ungeheuren Geschwindigkeit des Denken hebt den Menschen über alle anderen Lebewesen hinaus. Doch macht es ihn selbst und der Ungeheuerlichkeit der Welt gegenüber zum Fremden.
- George Steiner: Warum Denken traurig macht (2006)

Der durch Fragen ausgelöste Schwindel setzt ein Leben ständiger Selbstprüfung in Gang.
- George Steiner: Warum Denken traurig macht (2006)

Wir alle führen unser Leben inmitten einer unablässigen Flut, eines Magmas von Denkakten, doch nur ein Bruchteil der Gattung erbringt den Beweis, daß er zu denken weiß.
- George Steiner: Warum Denken traurig macht (2006)

Letztlich kann Denken uns zu Fremden füreinander machen. Die intensivste Liebe - schwächer vielleicht als Haß - ist eine nie abgeschlossene Unterhaltung Einsamer.
- George Steiner: Warum Denken traurig macht (2006)

Gott ist Macht –
Unendlich,
Unwiderstehlich,
Unerforschlich,
Indifferent.
Und doch, Gott ist erreichbar –
Trickster,
Lehrer,
Chaos,
Lehm.
Gott existiert, um geformt zu werden.
Gott ist der Wandel.
- Octavia E. Butler: Die Parabel vom Sämann (1993/1999)

... und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anders, war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt.
- László Krasznahorkai: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss (2005/2003)

Geschichten sind die einzigen Boote, mit denen wir den Fluss der Zeit befahren können.
- Ursula K. Le Guin: Noch eine Geschichte oder Ein Fischer am Binnenmeer (2025/1994)

Und schon beginnen das Nichts-mehr-Erwarten und die Hoffnungslosigkeit einen seltsamen Reiz zu entfalten, es ist, als käme ich dem Geheimnis der Berge endlich näher. Nun, da die Vergangenheit zerronnen und die Zukunft ohne Sinn und Ziel ist, da ich alle Erwartungen aufgegeben habe, beginne ich die Bedeutung des _Jetzt_ zu erfassen, von dem alle großen Meister sprechen.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Der Lama des Kristallklosters ist offensichtlich ein äußerst glücklicher Mensch. Trotzdem frage ich mich, wie er mit seiner Einsamkeit in der Abgeschiedenheit von Tsakang umgeht, das er seit acht nicht mehr mehr verlassen hat und seiner kranken Beine wegen wohl auch nie wieder verlassen wird. [...] Ohne eine Spur von Selbstmitleid oder Bitterkeit zeigt er auf seine verkrüppelten Beine, als gehörten sie uns allen, und breitete dann die Arme zum Himmel und zu den Schneebergen, zur Sonne und zu den tanzenden Bharals aus: "Natürlich bin ich hier glücklich! Es ist wunderbar! _Besonders_ weil ich keine Wahl habe!"
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Einen Blick auf das eigene >Wahre Wesen< zu erhaschen, ist eine Art Heimkehr an einen Ort östlich der Sonne und westlich des Mondes - eine Heimkehr, die keiner Heimat bedarf
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Meditationspraxis zielt nicht auf eine wie auch immer geartete Erleuchtung ab, sondern nährt die Fähigkeit auch dem Gewöhnlichen Aufmerksamkeit zu schenken, aus Gegenwärtigkeit und nichts als Gegenwärtigkeit zu bestehen, die Achtsamkeit des _Jetzt_ in jede Wendung des alltäglichen Lebens hineinzutragen.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Das Geheimnis der Berge besteht darin, dass sie, wie ich, einfach _existieren_; anders als ich, existieren sie jedoch _einfach_: Die Berge haben keine Bedeutung, sie sind Bedeutung, sie _sind_.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Meine Stimme murmelt eine Entschuldigung, ein seltsames Geräusch, das in dieser Stille fehl am Platz wirkt. Ich schaue mich um - wer hat da gesprochen? Und wer hört? Wer ist dieses immer gegenwärtige >Ich<, das nicht ich selbst bin?
Eine einsame Vogelstimme stellt dieselbe Frage.
Hier im Geheimnis der Berge, im Brausen des Flusses berühre ich meine Haut, um zu sehen, ob ich wirklich bin; laut rufe ich meinen Namen und gebe keine Antwort.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Diese Stille, in die alles einmal zurückkehrt, ist die Wirklichkeit, und Vernunft und Seele gelten hier nicht mehr als ein Schneeschauer. Sich der eigenen Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden ist so erhebend wie erschreckend, vergleichbar der plötzlichen Erkenntnis der eigenen Transparenz in der Meditation.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Kindheit ist voller Geheimnisse und Verheißungen; vielleicht bedrängt uns die Lebensangst, sobald alle Geheimnisse aufgeklärt sind und wir all das erlangt haben, was wir zu brauchen glaubten. Es ist just der Augenblick der scheinbaren Erfüllung, in dem wir die herbste Enttäuschung erfahren und uns betrogen fühlen - ein Gefühl, das sich wie eine riesige drohende Welle hinter uns aufbäumt.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Absurdität des Lebens, das vielleicht zu Ende geht, bevor wir es verstanden haben, entbindet uns nicht von der Pflicht, es so mutig und vollständig zu leben wie möglich.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Physiker versuchen, die Wirklichkeit zu verstehen, während Mystiker geschult sind, sie unmittelbar zu erfahren.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Schon bald wurde dieses klare Licht der Einsicht, das dem Leben Größe verlieh und im Tode Frieden schenkte, vom grellen Schein der Technologie überstrahlt. Doch dieses Licht ist stets um uns, wie das der Sterne in der Mittagssonne; der Mensch muss es nur wahrnehmen, wenn er seine Angst vor der Sinnlosigkeit überwinden will, denn keine Art "Fortschritt" kann es ersetzen. Wir haben uns selber ausgetrickst wie gierige Affen, und jetzt hocken wir da mit unserer Angst.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Eine solche Suche mag mit einem Gefühl der Unruhe beginnen, als würde man ständig beobachtet. Man schaut sich um und findet nichts, obwohl man spürt, dass es eine Ursache für die tiefe Ruhelosigkeit geben muss und dass der Weg, nach dem man sucht, uns nicht an einen fremden Ort, sondern nach Hause bringt. Der Weg jedoch ist mühsam, denn der geheime Ort, an dem wir uns schon immer befinden, ist von einem Dornengestrüpp von Vorstellungen, Ängsten und Rechtfertigungen, von Vorurteilen und Verdrängungen überwuchert.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Diese Lust, alles stehen und liegenzulassen, kommt einem im Alter von zehn bis dreizehn Jahren, wenn man bäuchlings auf dem Teppich liegt und sich still den Atlas anschaut. Denkt bloss an Gegenden wie das Banat, das Kaspische Meer, Kaschmir! Die Melodien, die dort erklingen, die Blicke, denen man begegnet, die Gedanken, die einen erwarten … Wenn die Sehnsucht den ersten Angriffen der nüchternen Vernunft standhält, sucht man nach Gründen für sie. Und findet keine stichhaltigen. Tatsache ist, dass man nicht weiss, wie man diesen Drang nennen soll. Etwas in uns wächst und löst sich aus der Vertäuung, bis man eines schönen Tages, seiner selbst nicht sehr sicher, endgültig aufbricht.
Eine Reise braucht keine Beweggründe. Sie beweist sehr rasch, dass sie sich selbst genug ist. Man glaubt, dass man eine Reise machen wird, doch bald stellt sich heraus, dass die Reise einen macht – oder kaputtmacht.
- Nicolas Bouvier: Die Erfahrung der Welt (1963)

Denn man hat nur ein Leben, und es will nicht verschwendet und vergeudet sein. Man tut gut daran, sich rechtzeitig zu besinnen. Welchen Wegs, Fremdling?
- Annemarie Schwarzenbach: Das Glückliche Tal (1940/2014)

Gewiss doch, alle Wege sind offen, und führen nirgends hin, nirgends hin. [...] Was uns so erschüttert, ist immer wieder der Morgenglanz des Aufbruchs!
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

Man kann, was man nicht mit eigenen Augen gesehen und umarmt hat, nicht wirklich lieben; selbst Sehnsucht ist immer nur verströmende, verblutende Einsamkeit.
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

Reisen ist Aufbrechen ohne Ziel, nur mit flüchtigem Blick umfängt man ein Dorf und ein Tal, und was man am meisten liebt, liebt man schon mit dem Schmerz des Abschieds. Es gibt eine andere Art des Reisens: mit dem Baedeker in der Hand und dem fertigen Programm in der Tasche, da ist die Strecke zwischen der Kathedrale von Chartres und dem berühmten Seebad Biarritz nur eine lästige Unvermeidlichkeit, und man weiss, was einem die Unternehmung wert ist und was man von ihr erwarten darf. Aber der Zauber, unterwegs zu sein, das Geheimnis der Namen, die sich erst mit Inhalt und Leben füllen, das Wirklichkeitwerden eines Traums, das Entzücken der Entdeckung!
- Annemarie Schwarzenbach: Ankunft in Mallorca (1936)

Die Reise aber, die vielen als ein leichter Traum, als ein verlockendes Spiel, als die Befreiung vom Alltag, als Freiheit schlechthin erscheinen mag, ist in Wirklichkeit gnadenlos, eine Schule, dazu geeignet, uns an den unvermeidlichen Ablauf zu gewöhnen, an Begegnen und Verlieren, hart auf hart.
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

»Unser Leben gleicht der Reise …«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein, als vielmehr ein konzentrierte Abbild unserer Existenz
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

War Leiden vielleicht etwas so Wunderbares, daß es, obwohl seelisch bedingt, wundersam dazu verhilft, das Denken zu überwinden?
- Ella Maillart: Der bittere Weg (2001/1947)

Schreiben war der Gottesdienst ihres Lebens, er beherrschte sie ganz und gar.
- Ella Maillart (über Annemarie Schwarzenbach): Der bittere Weg (2001/1947)

Und plötzlich begreife ich etwas: ich fühle jetzt mit aller Kraft meiner Sinne und meines Verstandes, daß Paris, Frankreich, Europa, die Weißen nichts sind und das es, über und entgegen aller Partikularismen, nur auf eines ankommt: auf das eine große wunderbare Gefüge, das sich Welt nennt.
- Ella Maillart, Libanon, September 1936

So wie eine weiße Sommerwolke im Einklang mit Himmel und Erde frei im blauen Äther schwebt und von Horizont zu Horizont zieht, dem Hauch der Lüfte folgend, so überläßt sich der Pilger dem Strom des größeren Lebens, das ... ihn über ferne Horizonte zu einem seinem Blick noch verborgenen, aber stets gegenwärtigen Ziel führt.
- Lama Anagarika Govinda: Der Weg der weißen Wolken (1966)

Auf eine Weise, die den meisten von uns verborgen bleibt, richten wir alle unsere Leben danach aus, in die Schablonen reinzupassen, die uns die Mythen und Archetypen liefern. Wir erzählen uns alle Geschichten und bringen unsere Zukunft auf eine Linie mit diesen Geschichten, so sehr wir auch das Gefühl von Neuem und Originalität bezüglich unseres Lebens schätzen.
- Robert Macfarlane: Berge im Kopf (2021/2003)

Die kindliche Vorstellungskraft vertraut mehr als die von Erwachsenen darauf, dass eine Geschichte stimmt und alles tatsachlich so geschehen ist, wie es erzahlt wird. Ein Kind kann sich auch besser einfthlen, und als ich diese Biicher las, erlebte ich das Geschehen intensiv mit, und als einer der Entdecker. Ich verbrachte mit ihnen die Abende in ihren Zelten und taute gefrorenen Pem- mikan tber einem Kocher auf, der mit Seehundfett betrieben wurde, wahrend draufen der Wind pfiff. Ich zog meinen Schlitten durch hufthohen Polarschnee. Ich stolperte iber Schneeverwehungen, stiirzte Rinnen hinab, kletterte tuber Grate und schritt auf Bergriicken aus. Von den Gipfeln der Berge blickte ich auf die Welt herab, als handele es sich dabei um eine Landkarte. Mindestens zehn Mal kam ich fast ums Leben.
- Robert Macfarlane: Berge im Kopf (2021/2003)

Es kann ganz nützlich sein, den Blick zwischendurch zu heben in einen größeren Raum, den astronomischen etwa oder auch bloß geologischen, hinauszuschauen und davon einen etwas veränderten Blick auf das eigene Leben abzuleiten.
- Christoph Ransmayr: Geständnisse eines Touristen (2004)

Die »Wirkliche Welt«?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane!
- Arno Schmidt: Die Schule der Atheisten (1972)

Denken. Nicht mit Glauben begnügen : weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde ! Und Feinde. Legt nicht aus : lernt und beschreibt. Zukunftet nicht : seid. Und sterbt ohne Ambitionen : ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser
- Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas (1953/1955)

Vielleicht, wie die Saurier einen zu großen Körper hatten, haben wir Menschen eine zu große Seele, und müssen deshalb aussterben
- Peter Handke

Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall.
- Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben.
- Philip K. Dick

Die offene Straße. Die große Heimat der Seele ist die offene Straße. Nicht der Himmel, nicht das Paradies. Nichts ›darüber‹. Nicht einmal etwas ›darin‹. Die Seele liegt weder ›darüber‹ noch ›darin‹. Sie ist ein Wanderer auf der offenen Straße. Nicht durch Meditation. Nicht durch Fasten. Nicht indem sie einen inwendigen Himmel um den anderen erforscht, nach Art der großen Mystiker. Nicht durch Begeisterung. Nicht durch Ekstase. Auf keinem dieser Wege bekommt die Seele ihr angestammtes Recht.
Nur indem sie sich auf die offene Straße begibt.
Nicht durch Nächstenliebe. Nicht durch Opfermut. Nicht einmal durch Liebe. Nicht durch gute Werke. Auf diese Weise verwirklicht sich die Seele nicht. Nur auf der Reise entlang der offenen Straße.
Es ist die Reise selbst, entlang der offenen Straße. Für jede Berührung offen. Auf zwei langsamen Füßen. Allem begegnend, was auf der offenen Straße einherkommt. Gemeinsam mit jenen, die im selben Tempo auf derselben Straße dahintreiben. Ohne Ziel. Immer die offene Straße.
- D. H. Lawrence

Zu Fuß und leichten Herzens schlag ich
die offene Straße ein,
Gesund, frei, vor mir die Welt,
Vor mir der lange, braune Weg, der mich führt,
wohin ich nur will.

Hinfort frage ich nicht nach Glück,
ich bin das Glück.
Hinfort wimmere ich nicht mehr, verschiebe nicht
mehr, ich brauche
nichts.
Vorbei mit grämlicher Stubenhockerei, mit
Bücherwälzen und
nörgelnder Kritik,
Stark und zufrieden zieh ich den offenen Weg.
- Walt Whitman

Ist dir nie eine Stunde gekommen,
Ein jäher, göttlicher Funke, der
diesen ganzen Schwindel,
Mode und Reichtum, diese geschäftigen Ziele
voll Eifer – Bücher,
Politik, Liebesaffären –,
in völliges Nichts zersprengt?
- Walt Whitman

Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?
- Franz Kafka

Ich bin unser überdrüssiges Schmetterlingsgezappel satt. Wo hol’ ich nur die Kraft zum Sprechen her?
- Samuel Beckett: Mercier und Camier (1946/1970)