Schmetterlingsgezappel

... und er hatte den Kopf aufs entschiedenste von der Welt abgewandt. Man sagte, er habe den Kopf abgewandt, weil er nach hinten blickte, nach hinten auf einen Mönch namens Eikan, dessen Rede so schön war, daß er, der Buddha, wissen wollte, wer da redete. Etwas ganz anders, war aber der Fall: Wer ihn auch nur einmal sah, wußte sofort: Er hatte diesen wundersamen Blick abgewandt, um nicht sehen, um nicht anschauen, um nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, was da auf drei Seiten um ihn herum lag: diese miese Welt.
- László Krasznahorkai: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss (2005/2003)

Geschichten sind die einzigen Boote, mit denen wir den Fluss der Zeit befahren können.
- Ursula K. Le Guin: Noch eine Geschichte oder Ein Fischer am Binnenmeer (2025/1994)

Und schon beginnen das Nichts-mehr-Erwarten und die Hoffnungslosigkeit einen seltsamen Reiz zu entfalten, es ist, als käme ich dem Geheimnis der Berge endlich näher. Nun, da die Vergangenheit zerronnen und die Zukunft ohne Sinn und Ziel ist, da ich alle Erwartungen aufgegeben habe, beginne ich die Bedeutung des _Jetzt_ zu erfassen, von dem alle großen Meister sprechen.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Der Lama des Kristallklosters ist offensichtlich ein äußerst glücklicher Mensch. Trotzdem frage ich mich, wie er mit seiner Einsamkeit in der Abgeschiedenheit von Tsakang umgeht, das er seit acht nicht mehr mehr verlassen hat und seiner kranken Beine wegen wohl auch nie wieder verlassen wird. [...] Ohne eine Spur von Selbstmitleid oder Bitterkeit zeigt er auf seine verkrüppelten Beine, als gehörten sie uns allen, und breitete dann die Arme zum Himmel und zu den Schneebergen, zur Sonne und zu den tanzenden Bharals aus: "Natürlich bin ich hier glücklich! Es ist wunderbar! _Besonders_ weil ich keine Wahl habe!"
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Einen Blick auf das eigene >Wahre Wesen< zu erhaschen, ist eine Art Heimkehr an einen Ort östlich der Sonne und westlich des Mondes - eine Heimkehr, die keiner Heimat bedarf
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Meditationspraxis zielt nicht auf eine wie auch immer geartete Erleuchtung ab, sondern nährt die Fähigkeit auch dem Gewöhnlichen Aufmerksamkeit zu schenken, aus Gegenwärtigkeit und nichts als Gegenwärtigkeit zu bestehen, die Achtsamkeit des _Jetzt_ in jede Wendung des alltäglichen Lebens hineinzutragen.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Das Geheimnis der Berge besteht darin, dass sie, wie ich, einfach _existieren_; anders als ich, existieren sie jedoch _einfach_: Die Berge haben keine Bedeutung, sie sind Bedeutung, sie _sind_.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Meine Stimme murmelt eine Entschuldigung, ein seltsames Geräusch, das in dieser Stille fehl am Platz wirkt. Ich schaue mich um - wer hat da gesprochen? Und wer hört? Wer ist dieses immer gegenwärtige >Ich<, das nicht ich selbst bin?
Eine einsame Vogelstimme stellt dieselbe Frage.
Hier im Geheimnis der Berge, im Brausen des Flusses berühre ich meine Haut, um zu sehen, ob ich wirklich bin; laut rufe ich meinen Namen und gebe keine Antwort.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Diese Stille, in die alles einmal zurückkehrt, ist die Wirklichkeit, und Vernunft und Seele gelten hier nicht mehr als ein Schneeschauer. Sich der eigenen Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden ist so erhebend wie erschreckend, vergleichbar der plötzlichen Erkenntnis der eigenen Transparenz in der Meditation.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Kindheit ist voller Geheimnisse und Verheißungen; vielleicht bedrängt uns die Lebensangst, sobald alle Geheimnisse aufgeklärt sind und wir all das erlangt haben, was wir zu brauchen glaubten. Es ist just der Augenblick der scheinbaren Erfüllung, in dem wir die herbste Enttäuschung erfahren und uns betrogen fühlen - ein Gefühl, das sich wie eine riesige drohende Welle hinter uns aufbäumt.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Die Absurdität des Lebens, das vielleicht zu Ende geht, bevor wir es verstanden haben, entbindet uns nicht von der Pflicht, es so mutig und vollständig zu leben wie möglich.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Physiker versuchen, die Wirklichkeit zu verstehen, während Mystiker geschult sind, sie unmittelbar zu erfahren.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Schon bald wurde dieses klare Licht der Einsicht, das dem Leben Größe verlieh und im Tode Frieden schenkte, vom grellen Schein der Technologie überstrahlt. Doch dieses Licht ist stets um uns, wie das der Sterne in der Mittagssonne; der Mensch muss es nur wahrnehmen, wenn er seine Angst vor der Sinnlosigkeit überwinden will, denn keine Art "Fortschritt" kann es ersetzen. Wir haben uns selber ausgetrickst wie gierige Affen, und jetzt hoch wir da mit unserer Angst.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Eine solche Suche mag mit einem Gefühl der Unruhe beginnen, als würde man ständig beobachtet. Man schaut sich um und findet nichts, obwohl man spürt, dass es eine Ursache für die tiefe Ruhelosigkeit geben muss und dass der Weg, nach dem man sucht, uns nicht an einen fremden Ort, sondern nach Hause bringt. Der Weg jedoch ist mühsam, denn der geheime Ort, an dem wir uns schon immer befinden, ist von einem Dornengestrüpp von Vorstellungen, Ängsten und Rechtfertigungen, von Vorurteilen und Verdrängungen überwuchert.
- Peter Matthiessen: Der Schneeleopard (1978/2021)

Diese Lust, alles stehen und liegenzulassen, kommt einem im Alter von zehn bis dreizehn Jahren, wenn man bäuchlings auf dem Teppich liegt und sich still den Atlas anschaut. Denkt bloss an Gegenden wie das Banat, das Kaspische Meer, Kaschmir! Die Melodien, die dort erklingen, die Blicke, denen man begegnet, die Gedanken, die einen erwarten … Wenn die Sehnsucht den ersten Angriffen der nüchternen Vernunft standhält, sucht man nach Gründen für sie. Und findet keine stichhaltigen. Tatsache ist, dass man nicht weiss, wie man diesen Drang nennen soll. Etwas in uns wächst und löst sich aus der Vertäuung, bis man eines schönen Tages, seiner selbst nicht sehr sicher, endgültig aufbricht.
Eine Reise braucht keine Beweggründe. Sie beweist sehr rasch, dass sie sich selbst genug ist. Man glaubt, dass man eine Reise machen wird, doch bald stellt sich heraus, dass die Reise einen macht – oder kaputtmacht.
- Nicolas Bouvier: Die Erfahrung der Welt (1963)

Denn man hat nur ein Leben, und es will nicht verschwendet und vergeudet sein. Man tut gut daran, sich rechtzeitig zu besinnen. Welchen Wegs, Fremdling?
- Annemarie Schwarzenbach: Das Glückliche Tal (1940/2014)

Gewiss doch, alle Wege sind offen, und führen nirgends hin, nirgends hin. [...] Was uns so erschüttert, ist immer wieder der Morgenglanz des Aufbruchs!
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

Man kann, was man nicht mit eigenen Augen gesehen und umarmt hat, nicht wirklich lieben; selbst Sehnsucht ist immer nur verströmende, verblutende Einsamkeit.
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

Reisen ist Aufbrechen ohne Ziel, nur mit flüchtigem Blick umfängt man ein Dorf und ein Tal, und was man am meisten liebt, liebt man schon mit dem Schmerz des Abschieds. Es gibt eine andere Art des Reisens: mit dem Baedeker in der Hand und dem fertigen Programm in der Tasche, da ist die Strecke zwischen der Kathedrale von Chartres und dem berühmten Seebad Biarritz nur eine lästige Unvermeidlichkeit, und man weiss, was einem die Unternehmung wert ist und was man von ihr erwarten darf. Aber der Zauber, unterwegs zu sein, das Geheimnis der Namen, die sich erst mit Inhalt und Leben füllen, das Wirklichkeitwerden eines Traums, das Entzücken der Entdeckung!
- Annemarie Schwarzenbach: Ankunft in Mallorca (1936)

Die Reise aber, die vielen als ein leichter Traum, als ein verlockendes Spiel, als die Befreiung vom Alltag, als Freiheit schlechthin erscheinen mag, ist in Wirklichkeit gnadenlos, eine Schule, dazu geeignet, uns an den unvermeidlichen Ablauf zu gewöhnen, an Begegnen und Verlieren, hart auf hart.
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

»Unser Leben gleicht der Reise …«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein, als vielmehr ein konzentrierte Abbild unserer Existenz
- Annemarie Schwarzenbach: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940 (2000)

War Leiden vielleicht etwas so Wunderbares, daß es, obwohl seelisch bedingt, wundersam dazu verhilft, das Denken zu überwinden?
- Ella Maillart: Der bittere Weg (2001/1947)

Schreiben war der Gottesdienst ihres Lebens, er beherrschte sie ganz und gar.
- Ella Maillart (über Annemarie Schwarzenbach): Der bittere Weg (2001/1947)

Und plötzlich begreife ich etwas: ich fühle jetzt mit aller Kraft meiner Sinne und meines Verstandes, daß Paris, Frankreich, Europa, die Weißen nichts sind und das es, über und entgegen aller Partikularismen, nur auf eines ankommt: auf das eine große wunderbare Gefüge, das sich Welt nennt.
- Ella Maillart, Libanon, September 1936

So wie eine weiße Sommerwolke im Einklang mit Himmel und Erde frei im blauen Äther schwebt und von Horizont zu Horizont zieht, dem Hauch der Lüfte folgend, so überläßt sich der Pilger dem Strom des größeren Lebens, das ... ihn über ferne Horizonte zu einem seinem Blick noch verborgenen, aber stets gegenwärtigen Ziel führt.
- Lama Anagarika Govinda: Der Weg der weißen Wolken (1966)

Die kindliche Vorstellungskraft vertraut mehr als die von Erwachsenen darauf, dass eine Geschichte stimmt und alles tatsachlich so geschehen ist, wie es erzahlt wird. Ein Kind kann sich auch besser einfthlen, und als ich diese Biicher las, erlebte ich das Geschehen intensiv mit, und als einer der Entdecker. Ich verbrachte mit ihnen die Abende in ihren Zelten und taute gefrorenen Pem- mikan tber einem Kocher auf, der mit Seehundfett betrieben wurde, wahrend draufen der Wind pfiff. Ich zog meinen Schlitten durch hufthohen Polarschnee. Ich stolperte iber Schneeverwehungen, stiirzte Rinnen hinab, kletterte tuber Grate und schritt auf Bergriicken aus. Von den Gipfeln der Berge blickte ich auf die Welt herab, als handele es sich dabei um eine Landkarte. Mindestens zehn Mal kam ich fast ums Leben.
- Robert Macfarlane: Berge im Kopf (2021/2003)

Es kann ganz nützlich sein, den Blick zwischendurch zu heben in einen größeren Raum, den astronomischen etwa oder auch bloß geologischen, hinauszuschauen und davon einen etwas veränderten Blick auf das eigene Leben abzuleiten.
- Christoph Ransmayr: Geständnisse eines Touristen (2004)

Die »Wirkliche Welt«?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane!
- Arno Schmidt: Die Schule der Atheisten (1972)

Denken. Nicht mit Glauben begnügen : weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde ! Und Feinde. Legt nicht aus : lernt und beschreibt. Zukunftet nicht : seid. Und sterbt ohne Ambitionen : ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser
- Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas (1953/1955)

Vielleicht, wie die Saurier einen zu großen Körper hatten, haben wir Menschen eine zu große Seele, und müssen deshalb aussterben
- Peter Handke

Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben.
- Philip K. Dick

Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?
- Franz Kafka

Ich bin unser überdrüssiges Schmetterlingsgezappel satt. Wo hol’ ich nur die Kraft zum Sprechen her?
- Samuel Beckett: Mercier und Camier (1946/1970)