Strubichkante

Wilder Kopf

Rechts in der Südwand Riss zu Verschneidung. Engen, überhängenden Riss oder links queren und Rinne zu großer Plattform (Nachholring). Westkante ca. 6 Meter hoch, dann rechts in der Südwand zu Zacken (nachträglicher Ring). Links queren und Kante zu Absatz (2. nachträglicher Ring). (Unterstützt) Kante zum Gipfel.
Erstbegehung: 09.05.1918 von Emanuel Strubich, Arno Sieber und Kurt Eisold
Schwierigkeit: VIIIa

Wie immer, wenn ich an einem Klettertag morgens zu Tom ins Auto steige, bin ich ahnungslos, welches Kletterziel heute ansteht. Allerdings ist die Auswahl begrenzt, denn als Gipfelsammler fehlen Tom bis zu diesem Tag nur noch vier Gipfel der Sächsischen Schweiz, was bedeutet, 1131 Gipfel wurden bereits erklommen.
Das Wetter ist großartig, ein warmer Herbsttag mit wenig Wind, ohnehin war der Herbst viel zu trocken. Zwei der fehlenden Gipfel kommen nicht in Frage, das Rathener Gebiet ist zum Teil noch immer gesperrt und nur unter Lebensgefahr zugänglich, nachdem wenige Wochen zuvor ein heftiges Unwetter zu schweren Verwüstungen führte. Eigentlich spricht heute alles für ein Ziel: der Wilde Kopf in den Affensteinen. Seit wir den Gipfel zum ersten Mal, wenn auch erfolglos im Alten Weg und einer Variante vom Rokokoturm ausgekundschaftet hatten, brannte sich mir ein ganz anderer Weg in den Kopf: die Westkante, auch Strubichkante, nach dem Erstbegeher Emanuel Strubich benannt, erstbegangen sage und schreibe im Jahr 1918. Normalerweise beschäftige ich mich im Vorfeld eher nicht mit Gipfeln und Wegen, aber die Kühnheit dieser Erstbegehung und der Nimbus, dem dieser Weg seither innewohnt, sind einzigartig. Man stelle sich das Jahr 1918 vor, die Welt aus den Fugen, junge Männer, die nichts und zugleich alles zu verlieren hatten, als der 31-jährige Schneidermeister Strubich und viele andere Bergfreunde im Elbsandsteingebirge, wie auch in den Alpen ihr Leben riskierten. Zunächst noch mit VIIc bewertet, gilt die Westkante am Wilden Kopf heute als erste VIIIa im Elbsandsteingebirge. Zugleich findet sie als erste VII- (UIAA) zu dieser Zeit wohl kaum einen Vergleich in der Kletterwelt. Allein die zur Verfügung stehende Ausrüstung spricht Bände, ohne Gurt, ohne Gummisohlen, nur mit Hanfseil um den Bauch gebunden - nicht zu vergleichen mit heutiger Hightech-Ausrüstung. Und dann diese Linie am Wilden Kopf, ohne zu wissen, was einem beim Weitersteigen im jungfräulichen Gelände erwartet, keine Ringe als Sicherungsmöglichkeit, erst über 50 Jahre später wurden zwei nachträgliche Ringe geschlagen, was den Weg für die Psyche keineswegs einfacher macht. Strubich war mit diesem Weg seiner Zeit weit voraus.
All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich in Toms Auto sitze und sich bei uns fast wie von alleine, wenngleich zögerlich, der Wilde Kopf als Ziel herauskristallisiert. „Wenigstens mal anschauen“, sagen wir noch, bevor es los ins Kirnitzschtal geht. Und wie immer ist von Tom alles perfekt durchorchestriert. Schmied und Geselle am Amboss zum Einstieg, eine VIIb Reibung, die ich noch nicht kenne, aber zu den Sternchenwegen und Klassikern, die man „gemacht haben muss“ zählt. Mal schauen, wie wir uns danach fühlen, sonst gehen wir vielleicht erstmal zum Brückenkopf, der Wilde Turm läuft uns nicht davon. Munter geht es also durch die Eulentilke zum Amboss, der leider im Schatten liegt und sich am Einstieg noch etwas klamm anfühlt. Der Weg verlangt mir schon einiges ab, eine kräftezehrende Rippe zwischen zwei Ringen, bevor es am 3. Ring heißt, einfach mal losreiben, mit einer nicht sehr vielversprechenden Sicherung bis zum Gipfel. Aber es geht, wenngleich mit einigem Herzklopfen. Und jetzt? Beim Abseilen frage ich Tom, wie wir uns eigentlich fühlen müssten, um ganz sicher zu sein, in die Westkante einsteigen zu wollen. Bin ich mir da jemals sicher? „Lass uns wenigstens mal hingehen und auf die Plattform hochklettern“, von wo aus die eigentliche Kante losgeht. Gesagt, getan, nach einer kurzen Verpflegungspause geht es in den Alten Weg und einen überhängenden Riss auf die Plattform, wo, sollten wir einen Rückzieher machen, ein Fichtel und eine kleine Birke zum Abseilen sind. Der Blick geht immer wieder nach oben, die Kletterei bis zum ersten Ring ist schon mit VIIIa bewertet, aber die Griffe sehen positiv aus und ein paar mögliche Schlingenpositionen lassen sich erspähen. Was Strubich allerdings bewegte, zunächst nach links zur Kante zu queren, statt den direkten Riss nach oben zu nehmen, muss wohl ungeklärt bleiben. Also los, wann, wenn nicht jetzt, wenigstens bis zum ersten Ring...
Die wenigen Meter bis zur Kante bereiten keine Probleme, doch jetzt schon eine Schlinge legen? Nein, zuviel Seilzug beim Weiterklettern, also noch ein Stückchen hoch, bevor sich der Wegverlauf wie von selbst wieder nach rechts zieht. Hier entdecke ich eine Fädelsanduhr, es gehen ein paar kraftvolle Momente zum Legen der Kevlarschlinge drauf, bevor es rechts ansteigend weitergeht. Kleine Rippen und Leisten, genau meine Kletterei, aber ob sie wohl halten? Ich vertraue den Felsstrukturen, so viele Kletterer vor mir müssen diese Griffe verwendet haben und das Gestein sieht fest aus. Jetzt wäre eine zweite Sicherung nicht schlecht, der Ring ist noch weit, die letzte Sicherung an der Kante und der Absatz droht unter mir. Irgendwie findet sich nur eine kleine Einkerbung für eine weitere Kevlar, aber so richtig fest sitzt der Knoten nicht, kommt vielleicht im Zweifels-Fall nach vorne raus. Egal, es muss weitergehen, keine Kraft vergeuden. Kurz überlege ich nach rechts bis zum Ende des markanten Risses zu klettern, dort sieht es nach einer Sicherungsmöglichkeit aus, aber die Grifffolge drängt nach oben, zu einer markanten Zacke kurz unter dem Ring, an der Strubich wohl nachgeholt haben muss. Es geht gut, fallen darf ich zwar nicht, aber es geht in zügiger Kletterei sicher bis zum Ring. Geschafft, durchatmen, kurz in der Selbstsicherung ruhen. Es ist gar nicht so sehr die Kraft, vielmehr die Anspannung und das Wissen, die eigentliche Schwierigkeit geht erst an der Kante los. Das Weiterklettern steht eigentlich außer Frage, also raus aus der Ruheposition und vor zur Kante queren. Hier sind die Griffe erstmals uneindeutig, weniger Leisten, mehr kleine Löcher und abschüssig, aber es geht. Auf der Kante angekommen gibt es eine Ruheposition mit einem Seitgriff für die linke Hand. Die nächsten Meter sind entscheidend. Ich frage Tom erstaunt, ob der Absatz kurz über mir schon der mit dem zweiten nachträglichen Ring ist - „ja“ - so kurz also, das kann doch nicht so schwer sein, also los. „Jetzt mal gut aufpassen“, eine äußerst selten ausgesprochene Warnung, nur bei dem Gefühl, es könnte knapp werden, außerdem ist der Ring jetzt schon ein paar Meter links von mir, kein gutes Sturzgelände. Natürlich passt Tom immer gut auf, vermutlich ist er ähnlich angespannt. Es folgen zwei unbeschreibliche Klettermeter auf Reibung, die Hände haben nichts als den rauen Sandstein, zum Glück mit leicht liegenden, flachen Mulden. Auf die Füße kommt es an. Nur nicht wegrutschen, bitte, bitte. Einmal hoch antreten auf Reibung, mit links oder rechts, ich weiß es nicht mehr. Und jetzt langsam aufstehen. Hält der Fuß? Hält der Gummi? Es ist äußerst wackelig, eigentlich müsste ich auf dem Tritt noch 2 cm nach vorn ruckeln, mehr Auflagefläche, mehr Reibung erzeugen, doch es geht nicht, also muss es so halten. Was bin ich froh, nicht die neuen Kletterschuhe anzuhaben, sie standen zuletzt gar nicht gut auf Reibung, noch viel zu steif. Es sind die alten, weich getretenen Schuhe meines Vaters, die mir den schwersten Zug des Weges ohne Sturz erlauben. Das Aufstehen geht, unmöglich zu sagen, wie knapp es war, es fühlte sich kurz vor Abflug an. Jetzt nur Ruhe bewahren für das kurze Stück bis zum zweiten nR, Stand, „aussichern“, durchatmen. Was kann jetzt noch schiefgehen? Doch für Tom beginnt der Spaß erst noch, während ich die einzigartige Aussicht genieße. Es ist nicht an mir zu schreiben, wie es Tom ergeht, die zwei Meter an der Kante fordern ihm ebenso alles ab, bevor er glücklich den zweiten Ring erreicht. Noch sind wir nicht oben, ab hier soll es eine Unterstützungsstelle geben, zumindest haben Strubich und seine Seilschaft es so gemacht. Wie Strubich hier ohne Ring nachholte, erscheint unklar, es gab wohl eine winzige Birke, aber angesichts der kleinen Löcher, da wo heute der Ring ist, fragt man sich unweigerlich, was das für ein winziges Bäumchen gewesen sein muss. Der Weg bis zum Gipfel sah von unten noch weiter aus, als sich herausstellte, Tom erspäht bereits das Gipfelbuch, das muss doch jetzt noch zu machen sein. Es geht erstaunlich gut, auch ohne Unterstützung. Zum Abheben über den Bauch nach dem Ring sind sogar griffartige Vertiefungen vorhanden, etwas schmierig, aber es geht zum Glück ein leichter Wind und die Temperaturen passen. Mehr Wind und höhere Temperaturen würden auf Reibung in der Exponiertheit einiges erschweren. Nach dem Bauch heißt es Ruhe bewahren, auch hier gilt es nicht mehr zu fallen. Die Reibungsmeter lösen sich auf, der Gipfel des Wilden Kopfes ist erreicht, was für ein Gefühl. Ja, was für ein Gefühl eigentlich? Wer wurde hier bezwungen? Jedenfalls... oben, glücklich, sein. Kurze Zeit später ist Tom da, „Berg Heil“, sein viertletzter Gipfel, jetzt ist die geteilte Freude umso größer. Gemeinsames Gipfelglück, Aussicht genießen, Sonnenstrahlen wärmen, Schweiß trocknet, Gipfelbucheintrag, ohne Worte.
Dass wir zum Abschied noch die Brosinnadel machen fügt sich ungeplant, ein Wahrzeichen, zudem ein Gipfel der mir noch fehlt, wie so viele. Uns reicht der Alte Weg, zum zweiten Mal erfüllt uns das Panorama in der jetzt schon tief stehenden Sonne, hinter uns der Bloszstock, der Falkenstein vor uns, und wer genau hinschaut sieht die Strubichkante.
Verweile doch, du bist so schön!




Rumtreiber

oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen


Tja, was ist aus mir geworden?

In regelmäßigen und unruhigen Abständen meldet sich dieser Gedanke: Ich hätte einen Beruf erlernen sollen. Ich habe nie einen Beruf gehabt. Ich habe mich anders entschieden, habe rebelliert, geschrieben und Bücher veröffentlicht; ich bin gereist und habe eine Menge wüster Dinge gemacht, einen Beruf habe ich jedoch nie gehabt. Du kennst die Geheimnisse des Berufslebens nicht, denke ich. Die Gespräche in der Kantine. Die Betriebsfeste, die Seminare, die Kollegen! Ebenso wenig hast du – jemals – Betriebsferien gehabt. Keiner hat dich irgendwann angestellt oder deines Amtes enthoben, du bist weder befördert noch gekündigt worden, du bist nicht nach oben oder unten, vor oder zurück, hinein oder hinaus geschickt worden, kurzum, du bist immer dein eigener Herr gewesen.

Ein Beruf. Langsam wird es Zeit. Du stehst mitten im Leben, bald ist es zu spät, wenn du nicht heute oder morgen die Chance ergreifst, oder jedenfalls bevor du es dir anders überlegst, ist der Zug abgefahren, oder der Bus, und du wirst dastehen wie ein Sonderling, ein Idiot; ein Mann, für den man in einer Firma oder einem Unternehmen nie und nimmer einen Platz findet.

Aber welcher Beruf? Journalist? Rechtsanwalt? Werbefachmann? Verkäufer? Nein, all das ist nicht nur unmöglich, es ist auch unerträglich: zu viel Geld, zu wenig Skrupel und schlechte Moral. Es gibt zu viele unmoralische Berufe! Aber was ist mit Briefträger, Busfahrer, Lehrer? Nein, du musst doch einräumen, dass diese Berufe dir nicht zusagen, so wie du nie auch nur die geringste Lust verspürt hast, Schauspieler, Politiker oder Redakteur zu werden. So weit waren wir schon. Die Wahrheit lautet, du hast Lust auf einen Beruf, aber es gibt keinen Beruf, auf den du Lust hast.

Was machst du jetzt? Du denkst nach. Du beginnst von Neuem, an einer anderen Stelle: Du beginnst mit der Lust. Worauf hast du Lust? Was tust du am liebsten? Und lässt sich daraus ein Beruf machen? Ja, selbstverständlich. Wer gerne denkt, setzt alles daran, sich Philosoph zu nennen. Wer gerne schreibt, setzt alles daran, sich Schriftsteller zu nennen. Aber ein Schriftsteller bist du bereits, und auf dem Gebiet der Philosophie hast du keinerlei Ambitionen. Außer Schreiben und Denken magst du es, zu gehen. Daraus müsste sich doch ein Beruf machen lassen: ein Vagabund. Herumtreiber. Landstreicher. Wandersmann. Zu allen Zeiten hat es solche Herumtreiber gegeben. Heutzutage ist es allerdings ein würdevoller Beruf, vom Aussterben bedroht. Jedenfalls im Wohlfahrtsstaat Norwegen. Und du denkst: Irgendjemand muss diesen Beruf bewahren. Irgendjemand muss sich dafür verantwortlich fühlen. Jemand muss diese Freiheit, diesen Stolz retten, diesen Beruf und diese Würde wiederherstellen, ja, du willst ein Wandersmann werden.



Papa, wo bist du?

Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein

Im Krieg...

Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, où t'es où, papaoutai ?
Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, papaoutai ?
Où t'es, où t'es où, papaoutai ?
Où t'es
Où t'es...
Stromae

Eines Tages, wenn es sicher ist, wenn es keine persönlichen Nachteile mit sich bringt, die Dinge beim Namen zu nennen, wenn es zu spät sein wird, irgendwen zur Rechenschaft zu ziehen, werden alle immer schon dagegen gewesen sein.
Omar El Akkad

Es gibt keinen Frieden mehr. Aber Verbote und Chaos. Wo bleibt die Kritik am Krieg? "Ja, die Gaspreise erhöhen sich." Gott verdammte Scheiße, Menschen ermorden Menschen!!! [...] Und Zahlen erzählen kein Leid einzelner, der Familien und Freundeskreise, die keinen Krieg und keine Unterdrückung wollen.
Männer, macht da bitte nicht mit!
wk


Leicht Angebraten Auf Dem Realitätsgrill

Der Kultur-Zyklus von Iain Banks

A Few Notes on the Culture

FIRSTLY, AND MOST IMPORTANTLY: THE CULTURE DOESN'T REALLY EXIST. IT ONLY EXISTS IN MY MIND AND THE MINDS OF THE PEOPLE WHO'VE READ ABOUT IT.

Iain M Banks
(Sun-Earther Iain El-Bonko Banks of North Queensferry)
(1954 - 2013)


»Wenn Sie wirklich so alt sind … Was haben Sie im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende gelernt? Welches sind die Früchte Ihrer Weisheit?«
»Es sind bemerkenswert wenige. Ich habe es geschafft zu vermeiden, zu viele Lektionen zu lernen. Vielleicht ist es das, was mich am Leben erhält.«
[...]
»So lange Zeit zu leben …«, sagte sie. »Es war also letztendlich umsonst.«
»Das stimmt in gewisser Weise, aber darin unterscheide ich mich kaum von allen anderen, oder?«
»Sollte so ein langes Leben nicht irgendeinen Sinn haben?«
»Nein. Leben hat nie einen Sinn, oder es bekommt einen durch das Leben selbst. Da ich von Natur aus heiteren Gemüts bin, neige ich zu Letzterem. Andererseits … Länger gelebt zu haben als sonst jemand, macht keinen so großen Unterschied.« Die Stimme aus dem grauen Würfel legte eine kurze Pause ein. »Allerdings kann ich sagen: So lange zu leben hat mich davon überzeugt, dass ich nicht mehr ganz die nette Person bin, für die ich mich einmal gehalten habe.«
Die letzten Sätze boten Cossont gleich zwei Gelegenheiten zu beißendem Spott, doch sie nutzte keine von ihnen. Sie begnügte sich mit einem leicht sarkastischen »Tatsächlich?«
»Bei einem so langen Leben wird einem früher oder später klar, wie sinnlos vieles von dem ist, was wir tun, insbesondere wenn man die gleichen Verhaltensmuster bei neuen Generationen und sogar bei ganz anderen Spezies sieht. Man erkennt die gleichen Träume und Hoffnungen, die gleichen Ambitionen und Erwartungen, auch die gleichen Planungen und Handlungen, die gleichen Taktiken und Strategien, denen die gleichen vorhersehbaren und oft beklagenswerten Anstrengungen zugrunde liegen, und man fragt sich: Na? Spielt es wirklich eine Rolle? Warum Mühe an all diese Dinge vergeuden? Sind es nicht nur weitere dumme, zum Scheitern verurteilte Wege, eine leere, unnütze, zwecklose Existenz zu füllen, in Scheiben zwischen die grenzenlosen Unendlichkeiten aus dunklem Nichts gequetscht, die wie Stützen des Trivialen und Banalen sind?«
»Hm«, machte Cossont. »Ist das eine rhetorische Frage?«
»Es ist eine irrige Frage. Bedeutung liegt woanders. Es gibt immer Bedeutung. Zumindest zeigen alle Dinge die beunruhigende Tendenz, Bedeutung zugeschrieben zu bekommen, wenn intelligente Wesen in der Nähe sind. Es gibt nur keine letzte Bedeutung, keine der kursiven Art. Obwohl die Illusion einer solchen für bestimmte Geister tröstlich ist.«
»Sie meinen die Armen, Verblendeten und Dummen.«
»Wortwahl und Tonfall deuten darauf hin, das Sie, wie eben schon einmal, sarkastisch sind. Sei’s drum. Nun, es gibt noch eine andere Reaktion auf die nie endende Fülle unorigineller Dummheiten, die das Leben mit nicht nachlassender Zuverlässigkeit präsentiert. Abgesehen von Entsetzen und Verzweiflung, meine ich.«
»Und die wäre?«
»Eine Art Schadenfreude. Wenn man den Tiefpunkt überlebt, der mit dem Verständnis einhergeht, dass die Leute auch weiterhin dumm bleiben und grausam zueinander sind, ganz gleich, was auch geschieht, bis in alle Ewigkeit – wenn man diesen Tiefpunkt überlebt; viele begehen an dieser Stelle Selbstmord –, dann kann man beginnen, sich eine neue Einstellung zu eigen zu machen, die da lautet: Ach, was soll’s. Es wäre weitaus wünschenswerter, wenn die Dinge besser wären, aber sie sind es nun einmal nicht, und wir müssen das Beste daraus machen. Mal sehen, welchen Schwachsinn sich die Tölpel diesmal einfallen lassen, um sich das Leben schwer zu machen.«
»Eine Reaktion, die nicht unbedingt vor Mitgefühl strotzt.«
»Mag sein. Aber ich will damit sagen: Vielleicht ist es die einzige Reaktion, die einen mit einem langen Leben fertigwerden lässt, ohne dass man zum überzeugten Eremiten wird; sie kommt gewissermaßen einem Filter gleich, der Misanthropie fördert. Nette Leute, die ein langes Leben führen, reagieren mit solchem Abscheu auf die sprießenden Schrecken, denen sie sich gegenübersehen, dass sie in der Regel Selbstmord begehen. Nur wir leicht boshaften Typen sind in der Lage, diese Erkenntnis zu überleben und eine Art Gefallen – oder zumindest eine gewisse Zufriedenheit – darin zu finden zu beobachten, wie auch die neueste Generation oder Spezies jenen Weg findet und beschreitet, von dem wir naiverweise hofften, er sei inzwischen von verbergendem Unkraut überwuchert, einen Weg, der unweigerlich zu Katastrophe, Schande und Scham führt.«
»Es läuft also auf Folgendes hinaus«, sagte Cossont. »Im Grunde genommen sind Sie am Leben geblieben, um zu beobachten, wie wir alle Mist bauen.«
»Ja. Das ist eine der wenigen garantierten Konstanten des Lebens.«
Cossont dachte darüber nach. »Wenn das stimmt, ist es ein bisschen traurig.«
»So ist das eben mit dem Leben.«
Die Wasserstoffsonate (2012)



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